Der Pechstein von Kneisting, Gemeinde Thurmansbang, Landkreis Feyung-Grafenau
- Dr. Ludwig Kreiner
- 8. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Mai
Im Herbst 2018 erhielt Jakob Wünsch, Spezialist für Schalensteine und anerkannter Mythenforscher aus Deggendorf, einen Anruf von Karl Heinz Reimeier, Kreisheimatpfleger aus Grafenau. Dem hatte Heinrich Unrecht aus Kneisting berichtet, dass er beim Entfernen von Moos und Blättern auf den Felsbrocken im sog. Hinterhölzl, das ihm und seinem Bruder gehört, auf Schalensteine und Tonscherben, Holzkohle und durchglühte Lehmbrocken gestoßen sei.
Das "Hinterhölzl" ist ein Laubwäldchen im Nordwesten des Dorfes. Es versteckt eine Gruppe von größeren Granitbrocken mit insgesamt drei natürlich durch Frostverwitterung entstandenen Schalen. Sie haben einen Durchmesser von etwa 1m und wurden künstlich vertieft auf rund 0,5m. Von einer der Schalen führt eine in den Fels geschlagene, mehrere Meter lange Abflussrinne hangabwärts. Auch kleinere rechteckige, künstliche Vertiefungen hatte man im flachen Felsbereich entdeckt.
Heinrich Unrecht legte zusammen mit seinem Sohn Stefan und Enklin Selina an vielen Wochenenden die vollständig vom abgefallenen Laub und Moos überdeckten Felsen frei.
Dabei fanden sie immer wieder neben vielen durchgeglühten Lehm- und Steinbrocken Scherben von dunkelgrauer, aber auch zum Teil glasierter feiner Keramik. Besonders auffallend waren jedoch einige größere Scherben von sehr dicken, ehemals recht großen Gefäßen, deren Innenflächen oftmals voller Pech- und Rußrückstände waren.
Heinrich Unrecht zeigte die Schalensteine mitsamt den beim Freilegen gemachten Funden noch im Oktober Karl Heinz reimeier, Jakob Wünsch und Dr. Ludwig Kreiner, dem ehemaligen Kreisarchäologen von Dingolfing-Landau. Der regte an, die Scherben erst einmal zu waschen, und versprach, diese dann mit in die Dingolfinger Kreisarchäologie zu bringen, um sie dort zu restaurieren. Gesagt, getan... Im Februar 2019 brachte Dr. Kreiner die zusammengeklebten Gefäßteile wieder zurück nach Kneisting. Bereits vor Weihnachten konnte der Archäologe der familie Unrecht das Alter der beim Pechstein gefundenen Keramik mitteilen: Sie stammte aus der Zeit zwischen 1450 und 1500, also aus dem späten Mittelalter.

Heinrich Unrecht hatte zwischenzeitlich mit Karl Maier und Sepp Segl aus Ranfels Verbindung aufgenommen. Die beiden hatten maßgeblich die Restaurierung der Pfarrkirche St. Pankratius, der ehemaligen Schlosskapelle, initiiert und auch viele Stunden handwerklich daran mitgeholfen.
Beim Freilgegen der Felsen und Ausheben der Leitungsgräben im Burgareal waren sie immer wieder auf Gefäßscherben gestoßen und hatten diese aufbewahrt. Heinrich Unrecht nahm die Tonscherben zu sich, reinigte sie und zeigte sie Ludwig Kreiner, der sie zeitlich und funktional einordnete: Sie stammen aus allen Perioden, in denen die Burg existiert hatte, also vom 12. bis ins 16. Jahrhundert. Es gibt gestempelte Scherben aus Ranfels und Kneisting, die sich ähneln. Sie zeigen einmal Bodenscherben mit einem negativen Eindruck und einem erhabenen Kreuz.
Während des Winters 2019-2020 klebten Heinrich Unrecht und seine Frau Heike weiter an den Kneistinger Scherben. Den Spezialkleber dazu brachte Ludwig Kreiner aus der Dingolfinger Kreisarchäologie mit. Inzwischen hatte sich der Dingolfinger Archäologe in die Geschichte der bisher im Bayerischen Wald gefundenen mitteralterlichen Keramik, in die Geographie und die Historie der ehemaligen Verkehrswege und in Geschichte der näheren Umgebung von Kneisting eingelesen.
Der Ort liegt an einem Jahrhunderte alten Verkehrsweg zwischen Böhmen und dem Donauraum um Vilshofen. Eine wichtige Rolle für diesen Weg und auch für die Entstehung und den Betrieb des Kneistinger Pechsteines und der dortigen Pechproduuktion war der Landshuter Herzog Georg der Reiche, der auch Herr auf Ranfels bis zu seinem Tod 1503 war. Ihm folgten seine Tochter Elisabeth und ihr Mann Pfalzgraf Ruprecht, die beide während des Landshuter Erbfolgekrieges 1504 an der Ruhr verstarben. Herzog Albrecht aus München zerstörte Ranfels 1504. Damit wurde auch die Pechproduktion von Kneisting gewaltsam beendet. Seit Spätherbst 2019 kennen wir in Kneisting, Gemeinde Thurmannsbang. Landkreis Freyung-Grafenau den bisher einzigen Pechstein Niederbayerns. Aus dem ostdeutschen Vogtland, aus der Oberpfalz und Oberösterreich sind Pechsteine und -öfen seit langem bekannt.
Experimentelle Rekonstruktion des Pechofens von Kneisting
Nachdem es gelungen war, die Geschichte des bisher einzigen Pechsteins in Niederbayern zu entschlüsseln, waren sich alle Beteiligten von Anfang an einig, die ehemalige Pechproduktion an Ort und Stelle wieder zu versuchen. Ludwig Kreiner hatte in seinen beruflichen Jahren bereits viele "prähistorische" Brotbacköfen zusammen mit Schulklassen und Ferienkindern gebaut. Ganz ähnlich sollte auch der Aufbau des Pechofens erfolgen. Weidenzweige verschiedener Dicke und Stroh besorgte er im Vilstal bei Reichersdorf. Lösslehm konnte er mit Erlaubnis des Deggendorfer Kreisarchäologen Stephan Hanöffner an der Ausgrabungsfläche in Stephansposching ausstechen.
Im Juli 2019 bauten Heinrich und Stefan Unrecht zusammen mit Jakob Wünsch und Ludwig Kreiner über der nördlichsten Schale einen Lehmofen, der als Pechofen funktionieren sollte. Nach einer Woche des Austrocknens schichtete man ins Innere des einschaligen Ofens - man hatte sich an Rekonstruktionsvorschlägen aus dem Vogtland orientiert - dünn gespaltene Kiefernscheite. Trotz gedrosselten Feuers sickerte nur wenig Terpentin und Pech aus dem Ofen. Stefan hatte gleichzeitig mittels eines zweischaligen Behälters, den er in den Boden eingetieft und mit Kiefernspänen befüllt hatte, ein eigenes Experiment gestartet. Um den eingegrabenen Topf schichtete er Holz und brannte es ab. Bei ihm gab es also keinen direkten Feuerkontakt mit dem Kiefernholz. Während bei Stefan neben Holzkohle auch Pech produziert wurde, blieb das große "Experiment" weniger erfolgreich. 2020 soll nun mit einigen Zentimetern Abstand eine zweite Lösslehmkuppel um die bereits stehende aufgebaut werden. Das Feuer muss von außen an die Öfen herangeführt werden, es darf keinen direkten Kontakt mit den Kiefernscheiten haben.
Es geht also weiter mit dem Experiment am Kneistinger Pechofen. So schnell wollen alle dort Beteiligten noch nicht aufgeben.


Artikel:
Mit dem Pech begann das Glück: https://www.pnp.de/lokales/landkreis-passau/mit-dem-pech-begann-das-glueck-18814901
Kneisting, Ein Museum für den Pechstein: https://www.pnp.de/lokales/landkreis-freyung-grafenau/ein-museum-fuer-den-pechstein-12337965



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